Karriereplanung für Autoren

Karriereplanung: notwendig, schon sinnvoll oder unmöglich?

 

 

(zuerst erschienen in der Federwelt HN 123)

 

 

 

Bevor sie den ersten Verlags- oder Agenturvertrag unterzeichnet haben, denken viele angehende Autorinnen und Autoren, dass sie damit die größte Hürde in ihrem Schriftstellerleben genommen hätten. Tatsächlich ist die erste Veröffentlichung ein Meilenstein, aber es ist wie mit dem Verliebtsein – die Beziehungsarbeit fängt erst nach dem Happy End an. Aber ist eine Autorenkarriere überhaupt planbar? Gibt es sinnvolle Strategien, eine Laufbahn im kreativen Bereich langfristig zu steuern? Michaela Gröner von derLiteraturagentur erzähl:perspektive, Franka Zastrow aus dem Team der Literaturagentur Thomas Schlück GmbH und Stefan Wendel, selbstständiger Autorenberater, geben interessante Einblicke:

 

 

 

Franka Zastrow: Eine Autorenkarriere kann man schon planen im Sinne einer Abstimmung der Ziele, die der Autor verfolgt, welches Genre ((langfristig?)) das Geeignetste ist und wie sich der Buchmarkt dazu verhält. Vieles jedoch lässt sich nicht genau planen, denn Erfolge, Trends lassen sich nur bedingt voraussagen oder steuern.

 

 

Michaela Gröner: Nun, abgesehen vom Quäntchen Glück, das man halt immer braucht, gibt es schon ein paar Stellschrauben, die langfristige Auswirkungen haben: Da wäre zunächst die bewusste Entscheidung für ein zukunftsweisendes Projekt, das zu einem selbst (Genrekenntnis!) und zum Verlag passt. Dieses gibt in der Regel das Segment vor, das der Autor auch mit dem Folgeprojekt wieder bedienen sollte. Das „verflixte zweite Buch“ sollte nämlich dieselbe Zielgruppe erreichen, zudem aber einen neuen überraschenden Twist bieten und ein Thema aufgreifen, das gerade „in der Luft liegt“ und deshalb die Leserschaft bewegt. Während nach dem Debüt die Tür also bereits einen Spalt offensteht, sollte der zweite Titel ein Hindurchgehen ermöglichen – zumindest mit Baucheinziehen. Wenn man dann einen halbwegs sinnvollen Publikationsrhythmus verfolgt und sich zudem auf seine Zielgruppe einlässt, bei Lesungen, Messen oder in den Social Media, wird der dritte Titel dann vielleicht noch etwas erfolgreicher und generiert auch neue Leser für die ersten beiden Bücher. Deshalb ist jeder Genrewechsel, jedes Umpositionieren quasi ein Debüt, für das sich meist ein Pseudonym empfiehlt. Um die graue Theorie mal ein wenig bunter zu machen: Verlage und Agenturen kriegen meist die Krise, wenn ein Thrillerautor plötzlich Liebesromane schreiben will, ein Sachbuchautor Belletristik oder eine Jugendbuchautorin Erstlesebücher. Solche Wechsel funktionieren nur mit sorgfältiger Vorbereitung. Gänzlich kontraproduktiv ist dagegen ein dauerhafter Zickzackkurs. Aber die Frage war ja, was eine Karriere befördert, nicht, was sie verhindert ...

 

 

 

Stefan Wendel: Ich sage meinen Klienten immer: Und wenn Sie dann einen Verlag gefunden haben, fangen die Probleme überhaupt erst an. Meistens ernte ich dafür ungläubige, erschrockene Blicke, denn klar, das will niemand hören. Natürlich ist gerade das erste Buch die erste Buchveröffentlichung mit einem Glücksgefühl verbunden, und die Hoffnungen sind groß, werden aber auch oft enttäuscht. Nein, ich glaube nicht, dass sich eine ganze Autorenkarriere von Anfang an und langfristig auf dem Reißbrett planen lässt. Da kommen viel zu viele Faktoren von außen ins Spiel, auf die man als Autor/Autorin gar keinen Einfluss hat, die aber über Erfolg oder Misserfolg mitentscheiden. Und es mischen andere mit, vor allem natürlich der Verlag. Der Erfolg hat ja bekanntlich viele Väter. Deswegen ist und bleibt es eine Rechnung mit (zu) vielen Unbekannten. Aber: Ich glaube, dass man strategisch und mit einem gewissen Kalkül vorgehen kann, um eine Autorenkarriere Schritt für Schritt auf den Weg zu bringen und zu befördern. Der Unterschied ist: Man muss immer wieder aufs Neue Entscheidungen treffen, immer wieder von Neuem abwägen, was förderlich ist und was nicht. Und das bedeutet: Man muss immer flexibel sein. Auch Umwege können ja zum Ziel führen.

 

 

 

Um die Weichen stellen zu können, brauchen Autoren erst mal eine Vision: vom Schreiben leben, gerne auch mit Auftragsarbeiten, nur das eine Herzensbuch veröffentlichen, sich als Experte auf dem Sachbuchmarkt etablieren … Inwieweit klinken Sie sich als Agentur oder Berater bei dieser Vision ein? Gibt es jährliche „Standortgespräche“? Und welche Rolle spielt diese Vision für Sie?

 

 

 

Stefan Wendel: Ich bin zwar kein Agent, aber trotzdem auch ein Weichensteller, indem ich mit meinen Klienten individuelle, maßgeschneiderte Konzepte erarbeite, wie speziell sie als Autoren erfolgreich sein könnten. Dazu gehört es, von Anfang an über das erste Buch hinauszudenken, ein passendes Profil zu entwickeln, das auf Dauer gefüllt werden kann, aber so flexibel ist, dass immer wieder auch Kurskorrekturen möglich sind. Ich halte (realistische) Visionen für wichtig. Einer meiner früheren Chefs hat regelmäßig Helmut Schmidt zitiert, wenn ich die Visionenfrage für den Verlag aufgeworfen habe: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Mich hat das immer schrecklich geärgert. Visionen sind wie Leuchttürme, an denen man sich orientieren kann und auf die man sich zubewegt. Und selbst wenn man sie nicht erreicht, dann stimmt wenigstens die Richtung und man rennt nicht orientierungs- und planlos durch die Gegend.

 

 

 

Franka Zastrow: Klar, manche Autoren kommen zu uns mit der Vision, sich schnellstmöglich vom bisherigen Beruf verabschieden zu können und künftig – am besten gleich mit dem ersten Buch –  nur vom Schreiben zu leben.  Hier müssen wir die Erwartungen auf ein realistisches Maß herunterbringen. So gesehen klinken wir uns hier in die Vision ganz massiv ein und stimmen mit dem Autor ab, was im Bereich des Möglichen liegt und welche Schritte wir dazu gemeinsam gehen können. Dazu gehört auch, welche Aufgabe wir als Agenten übernehmen. Jährliche Standortgespräche führe ich mit meinen Autoren nicht. Grundsätzlich stehe ich mit meinen Autoren in einem regelmäßigen Austausch zum Stand der Dinge, was als nächstes kommt. Man analysiert, was gut läuft und was nicht. Grundsätzlich sollten Autor und Agent immer an einem Strang ziehen, Ziele oder Visionen besprechen und abstimmen. Feste Zeitfenster gibt es hier nicht, und der Bedarf sich auszutauschen, ist bei Autoren auch ganz unterschiedlich.

 

 

 

Michaela Gröner: Als Agentur sind wir natürlich immer bestrebt, Autoren fest im Markt zu etablieren, was eine langfristige und exklusive Bindung voraussetzt. Wenn ein Autor also nur ein Herzensbuch veröffentlichen möchte, freuen wir uns darüber nicht besonders, weil es wenig Perspektive bietet, auch für den Verlagspartner, der ja neue Stimmen finden und zu Gehör bringen will. Projektverträge unterzeichnen wir deshalb, wie die meisten unserer Kollegen, eigentlich nur im Sachbuch, wo tatsächlich oft bloß ein Titel zu erwarten steht. Das Selfpublishing hat diese Tendenz vorübergehend ein wenig auf den Kopf gestellt. Wir beobachten aber seit geraumer Zeit eine allgemeine Rückbesinnung und achten in diesem Punkt auch selbst wieder mehr auf Konsequenz, nicht zuletzt im Sinne unserer Autorinnen und Autoren.

 

Innerhalb dieser langfristigen Autorenbetreuung arbeiten wir stark titelbezogen, machen uns also mit dem Autor Gedanken über ein geeignetes Folgeprojekt, sobald das aktuelle Manuskript ins Lektorat geht. Da sind wir dann durchaus beim Plotten behilflich, ein zündender Arbeitstitel wird gesucht, die Leseprobe geschliffen und das Konzept so lange diskutiert, bis wir es guten Gewissens dem Verlag vorstellen können. Und sobald wir dazu den Vertrag abgeschlossen haben, geht alles wieder von vorn los. Wir orientieren uns also weniger an einer abstrakten Vision, einer Art „Autoren-Businessplan“, sondern vielmehr an strategisch-inhaltlichen Erwägungen.

 

 

 

In der romantischen Vorstellung vom Autorendasein reicht es, wenn der/die AutorIn schreibt und liest – und sich ansonsten um Inspiration und Erfahrung bemüht. Gerade beim Marketing hegt wohl kein/e AutorIn mehr die Erwartung, dass der Verlag die ganze Arbeit übernimmt. Was erwarten Agenturen und Verlage von ihren AutorInnen hinsichtlich der Karriereplanung?

 

 

Michaela Gröner: Dass Autoren dasjenige dazu beitragen, was ihrer Persönlichkeit entspricht. Natürlich ist es absolut großartig, wenn ein Schriftsteller nicht nur viele Lesungen absolviert, sondern außerdem eine Website und einen Blog unterhält, sich auf Facebook, Twitter, Instagram et cetera eine Community aufbaut und seine Leserschaft auf diese Weise bei der Stange hält. Die dort geteilten Infos erreichen die Fans ja viel direkter als über die Verlagsaccounts. Manchmal gehen solche Aktivitäten aber auch nach hinten los, wenn die Autorin beispielsweise zu viel im Netzwerk und zu wenig im Manuskript unterwegs ist, wenn sie ihren Status nur unregelmäßig aktualisiert, wenn man ihr anmerkt, dass sie sich eigentlich dort nicht wohlfühlt, wenn sie Dinge postet, die unter Umständen kontraproduktiv sind. Insofern hoffen wir zwar immer auf eine gewisse Onlinepräsenz, wichtiger sind aber gute Projekte und schöne Lesungen. Sie sind es, die dem Leser in Erinnerung bleiben.

 

 

 

Stefan Wendel: Es ist wirklich erstaunlich, wie lange sich solche romantischen Vorstellungen halten. Mit Sicherheit wird diesbezüglich heutzutage viel mehr von den Autoren erwartet als früher, bis dahin, dass man seine Leser gleich mitbringt. – Eine der Hoffnungen, die Verlage gerne mit erfolgreichen Selfpublishern verbinden. Und ich habe den Eindruck, dass Autoren, die wissen, was sie wollen, in den Agenturen und Verlagen durchaus willkommener sind als solche, die überhaupt keinen Plan haben und verzweifelt Hilfe suchen. Wenn die Erwartungshaltungen übereinstimmen, kann das schon einmal eine gute Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sein. Wichtig ist es, von Anfang an nicht mit einer kleinen Idee, sondern mit einem ausgereiften Konzept aufzutreten, das auch in den Augen der Verlage Potenzial besitzt. Und Potenzial bedeutet vor allem: hohe Verkäuflichkeit.

 

 

 

Bauen Verlage und Agenturen Autorinnen noch auf? Und was verstehen Sie darunter, einen Autor aufzubauen?

 

 

 

Stefan Wendel: Die Absicht „Wir möchten Sie aufbauen“ wird noch relativ oft von den Verlagen geäußert. Das ist insbesondere in den Ohren eines Anfängers natürlich erst einmal ein tolles Versprechen, das unter Umständen sogar in einem Drei-Buch-Vertrag schriftlich fixiert wird. Unerwähnt bleibt häufig das Zeitfenster, in dem das Aufbauen vonstattengehen soll. Erfolge müssen sich möglichst schnell einstellen, damit man nicht fallen gelassen wird. Spätestens wenn drei Bücher eines Autors die (kommerziellen) Erwartungen des Verlags (!) nicht erfüllt haben, war‘s das meistens, was verständlich ist, denn die Erfahrung zeigt, dass sich die Verkaufszahlen oft auf einem gewissen Niveau einpendeln, was wiederum auch etwas mit dem Einkaufsverhalten des Buchhandels zu tun hat. Und dann kann die Autorenkarriere, die so hoffnungsfroh gestartet ist, schnell einen gehörigen Knick bekommen …

 

 

 

Michaela Gröner: Einen Autor aufzubauen heißt, ihn sinnvoll zu platzieren, ihm literarisch Gehör zu verschaffen, im Buchhandel durchzusetzen und sein Werk zu pflegen. Dazu gehört zum Beispiel, ihm von problematischen Projekten deutlich abzuraten, ihn also nicht ins offene Messer laufen zu lassen, auch wenn dies temporär zu Konflikten führen mag. Dazu gehört andererseits aber auch schon mal, einen Titel zu bringen, der für den Autor substanziell ist, von dem aber nicht alle im Haus hundertprozentig überzeugt sind. Siegfried Unseld vom Suhrkamp Verlag packt es in die griffige Formel: „Wir verlegen keine Bücher, sondern Autoren“. Dieses verlegerische Prinzip greift zwar heute in der Literatur stärker als in der Unterhaltung, dennoch ist das generelle Streben immer ein ähnliches. Als Agentur haben wir hier jedoch eine kleine Gratwanderung zu bestehen: Dem Autor zuliebe möchten wir natürlich gern möglichst viele seiner Manuskripte verkaufen, zumal dann, wenn bereits ein paar Projektvorschläge verworfen wurden und sich bei ihm allmählich Frust einstellt. Andererseits sehen und teilen wir natürlich die Überlegungen des Verlags, vorausgesetzt, er macht es sich damit nicht zu einfach, was leider auch immer mal wieder vorkommt. Hier beide Seiten zusammenzubringen ist eine unserer täglichen Herausforderungen.

 

 

 

Angeblich kann nur ein kleiner Teil der AutorInnen vom Schreiben leben. Bevorzugen Sie als Agentur Autoren, die trotzdem alles auf diese eine Karte setzen? Oder ist es entspannter, mit Autorinnen zu arbeiten, die noch einen Brotjob haben?

 

 

 

Michaela Gröner: Diese Frage möchte ich generell für alle Freelancer beantworten: Je mehr ökonomische Verantwortung man hat, etwa, weil man Familienversorger ist, umso mehr Risikostreuung empfiehlt sich. Das kann etwas Artverwandtes sein, das im Idealfall Synergieeffekte zeitigt wie die Tätigkeit als Übersetzerin oder etwas ganz anderes, das vielleicht neue Impulse fürs Schreiben liefert. Ich persönlich finde es ja ganz gesund, wenn man sich auch außerhalb unserer Branche bewegt und sie nicht irgendwann versehentlich für den Nabel der Welt hält.

 

 

 

Stefan Wendel: Als Autorenberater bin ich ja für alle Autoren da, die auf mich zukommen, völlig egal, ob sie erfolgreich sind oder (noch) nicht, manchmal auch nicht mehr. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man sich das Schreiben leisten können muss – so hart das vielleicht klingt. Insbesondere zu Beginn nur auf die Einnahmequelle Schreiben zu setzen, halte ich für riskant und unrealistisch. Autoren sind und bleiben Freiberufler, die auf eigenes Risiko tätig sind, denn Verlage fühlen sich im Allgemeinen nicht in der Verpflichtung, ganze Lebensunterhalte zu finanzieren.

 

 

 

Stimmt die Aussage, dass der Erfolg von Büchern mit dem Marketingbudget feststeht? (Manch Bestsellerautor hat das Budget angeblich selbst großzügig aufgestockt.)  Und wie gelangen Autoren beim Verlag zu einem Platz unter den Spitzentiteln? Ist allein die Qualität der Bücher ausschlaggebend oder zählen noch weitere Faktoren?

 

 

 

Stefan Wendel: Eine der ersten Überzeugungen, von denen ich mich während meiner Verlagslaufbahn verabschieden musste, war: Qualität setzt sich immer durch. Die Positionierung innerhalb des Programms als Spitzentitel oder „Unter ferner liefen“, in Verbindung mit entsprechendem Marketing oder Nicht-Marketing hat natürlich einen gewissen Einfluss, ist aber gewiss nicht allein entscheidend. Das würde ja bedeuten, dass die Verlage die Zauberformel kennen, wie man ein Buch zum Erfolg bringt. Tun sie aber nicht. Es gibt auch viele Beispiele für Best- und Goodseller, die garantiert nicht aufgrund des Verlagsmarketings dazu wurden. (Nur stellen die Verlage solche „Überraschungserfolge“ hinterher in der Öffentlichkeit gerne anders dar – auch den Autoren gegenüber.) – Weitere Faktoren können sein: der richtige Zeitpunkt, zu dem ein Buch erscheint und zu dem es einen bestimmten Nerv trifft; ein besonders gelungenes Cover; das Entdecktwerden als Buchhandels -oder Publikumsliebling; eine Rezension/ein Bericht in einem Leitmedium wie tagesthemen oder DER SPIEGEL, der Auftritt in einer Talkshow, ein anerkannter literarischer Preis, das Setzen eines neuen Trends … In vielem steckt man nicht drin; da hat auch alle Professionalität ihre Grenzen. Einen Reich-Ranicki haben wir ja in Deutschland zurzeit leider nicht.

 

Bereits erfolgreiche Autoren (und ihre Agenten) können die Deklaration als Spitzentitel durchaus zur Verhandlungsmasse machen. Dann geht es jedoch um Titel, bei denen die Verlage Schlange stehen. Konkurrenz belebt auch hier das Geschäft, und dann können Autorinnen/Agentinnen natürlich fordernd auftreten und sich den Verlagspartner aussuchen, der ihnen das beste Angebot macht. Anfänger und weniger erfolgreiche Autoren haben es wesentlich schwerer, sich Schwerpunktplätze in den Programmen zu erkämpfen. Viele Verlage lassen sich da nicht gerne reinreden.

 

 

 

Michaela Gröner: Natürlich bestimmt die Spitzentitelposition das Marketingbudget und dieses wiederum die Sichtbarkeit und damit die Absatzzahlen. Die diversen Mythen, die sich darum ranken, sind allerdings eher das Seemannsgarn der Buchbranche, darauf würde ich nicht allzu viel geben. Und wenn: Was hülfe es? Außerdem gibt es ja immer wieder sehr schöne Überraschungserfolge und Spitzentitel, die kolossal floppen – so richtig planbar ist das alles also nicht.

 

Wie ein Buch zum Spitzentitel wird? Man nehme ein gefragtes Thema oder einen wichtigen Trend, setze das Ganze inhaltlich gekonnt um, suche eine beherzte Agentur, die wiederum ein paar begeisterte Verlage anspricht und eine Auktion startet. In deren Rahmen werden ja nicht nur Parameter wie Vorschüsse et cetera, sondern auch Toptitelpositionen besprochen. Der Konkurrenzfaktor spielt verhältnismäßig oft eine große Rolle. Und natürlich das oben bereits erwähnte Quäntchen Glück.

 

 

 

Franka Zastrow: Qualität ist bei Büchern, wie wir alle wissen, eine sehr, sehr subjektive Kategorie. Aber klar, damit ein Buch auf einem Spitzenplatz landen kann, muss es sich mit Inhalt und Umsetzung schon aus der Vielzahl der Titel herausheben. Das kann eine ganz besonders herzergreifende Geschichte sein, eine bezaubernde Heldin, eine außergewöhnliche Sprache. Natürlich spielen auch Trends eine Rolle. Trifft ein Titel gerade einen Nerv oder folgt mit einer Ansage für „für die Leser von…“ einem erfolgreichen Vorbild, dann sind die Chancen, sich einen der wenigen Spitzentitelplätze zu ergattern, größer.

 

 

 

Raten Sie AutorInnen, von Buch zu Buch zu schreiben, und gegebenenfalls aus den Fehlern des aktuellen Werkes für das nächste zu lernen oder lohnt es sich, längerfristig zu überlegen, welche Bücher geschrieben werden könnten?

 

 

Michaela Gröner: Beides. Generell ist es lohnenswert, sich vorab zumindest grob über die Richtung klar zu werden, in die man gehen möchte, und seine Gedanken hierzu möglichst frühzeitig mit dem Verlag beziehungsweise der Agentur zu teilen. Dies ermöglicht eine sinnvolle Publikationsstrategie und eine gute Positionierung der Autorenmarke. Ein reicher Ideenfundus kann dabei durchaus hilfreich sein, sollte aber so flexibel gehandhabt werden, dass man adäquat auf die eigene schriftstellerische Entwicklung oder äußere Faktoren wie Konkurrenztitel, Verlags- und Agenturwünsche Jreagieren kann. Es bleibt also ein Spagat zwischen umsichtigem Handeln und dem Unwägbaren. Das macht aber ja auch den Reiz dieses Berufs aus.

 

 

 

Stefan Wendel: Ein Anfängerfehler, der meines Erachtens häufig gemacht wird, ist, gleich eine Fortsetzung zu schreiben, noch bevor sich das erste Buch auf dem Markt unter Beweis stellen konnte. Die Fortsetzung kann ja später immer noch erscheinen, doch dazwischen würde ich im Normalfall empfehlen, etwas anderes zu schreiben, was aber dennoch zum Profil des Autors passt. Gelingt es nicht, das erste Buch an den Verlag zu bringen, wird dies mit der Fortsetzung auch nicht glücken. Hat das erste Buch auf dem Markt keinen Erfolg, wird die Fortsetzung höchstwahrscheinlich auch nicht besser laufen. Ansonsten gilt es, ungeheuer flexibel zu sein, zwar einerseits über den Tag hinauszudenken, aber andererseits nicht allzu weit in die Zukunft zu planen, zumindest dann nicht, wenn man noch keinen Verlagspartner an seiner Seite weiß.

 

 

 

Was sind Anzeichen, die signalisieren, dass der Autor, die Autorin  dringend einen anderen Weg einschlagen sollte? Wann sollte das Genre, der Verlag oder vielleicht sogar der ganze Beruf gewechselt werden?

 

 

 

Stefan Wendel: Wenn zum Beispiel die  Honorarabrechnungen zeigen, dass Vorschüsse bei Weitem nicht eingespielt wurden, wenn der Hausverlag weitere Projekte ablehnt oder es dem Agenten trotz aller Bemühungen nicht gelingt, neue Projekte unterzubringen, dann empfiehlt es sich, innezuhalten und die Strategie neu zu überdenken. Aber das muss ja nicht gleich bedeuten, dass jetzt alles zu spät ist und man das Autorendasein komplett an den Nagel hängen muss.

 

 

 

Michaela Gröner: Wenn einem das Schreiben regelmäßig zu leicht fällt. Wenn keine Entwicklung mehr stattfindet, kein Ringen um die ideale Form. Wenn einen die Leute nicht mehr freuen, mit denen man zusammenarbeitet. Und natürlich, wenn der Erfolg ausbleibt, man also niemanden mehr mit seinem Schreiben erreicht.

 

 

 

Andreas Eschbach soll einmal gesagt haben, dass alle (veröffentlichten) tausend Seiten ein Entwicklungssprung stattfindet. Beobachten sie auch, dass AutorInnen sich nach rund drei Büchern deutlich verändern?

 

 

 

Stefan Wendel: Da muss ich passen.

 

 

 

Michaela Gröner: Das ist sicher zutreffend, schon weil sich ja in der Zwischenzeit auch die (Schreib-)Moden ändern und insofern neue Stimmungen und Trends greifbar werden. Hinzu kommt die handwerkliche Weiterentwicklung des Autors beziehungsweise der Autorin, ein Stück neu gewonnene Souveränität. Das alles wirkt sich natürlich aufs Schreiben aus, allerdings glücklicherweise nicht zyklisch, sondern linear. J

 

 

 

Nach dem Buch ist vor dem Buch: Wie viel Zeit sollte höchstens zwischen zwei Veröffentlichungen verstreichen? Und wann sollte das Folgeprojekt spätestens angegangen werden?

 

 

Michaela Gröner: Als Faustregel gelten zumindest im Genre etwa zwölf bis achtzehn Monate. Zu große Lücken bergen das Risiko, dass man seine Zielgruppe verliert, zu kleine, dass der Autor den Kopf noch nicht wieder frei hat und der Verlag noch keinen geeigneten Programmplatz.J In der Realität sieht das dann aber ganz unterschiedlich aus: Eine unserer Jugendbuchautorinnen hat bei ihrem Hausverlag vier Romanprojekte innerhalb zweier Jahre realisiert, das war allerdings höchst ungewöhnlich. Eine andere Autorin hat über drei Jahre lang an einem absolut wundervollen Liebesroman mit ganz viel Tiefgang geschrieben und das abgelieferte Manuskript war jeden einzelnen Tag mehrfach wert. Es gibt da also alle denkbaren Varianten, abhängig vom Segment und den Begleitumständen.

 

 

 

Stefan Wendel: Auch hierfür würde ich keine allgemeinen Regeln aufstellen. Manche Autoren machen sich rar und sind trotzdem erfolgreich. Anderen bleibt gar nichts anders übrig, als viel zu veröffentlichen, weil das einzelne Buch nicht genug Ertrag bringt. Ich war allerdings noch nie ein Freund von Inflation. Die Etikettierung als „Vielschreiber“ durch den Buchhandel ist nicht als Kompliment gemeint, auch wenn ein Autor „erfolgreich“ viele Verträge abgeschlossen hat. Wenn Autoren zu oft und in zu vielen Verlagen in Erscheinung treten, kann dies auch zu Überdruss führen und vonseiten des Buchhandels negative Auswirkungen auf das Bestellverhalten haben. Ich denke, jeder Autor/jede Autorin muss hier den für ihn/sie richtigen Mix und Zyklus herausfinden.

 

 

 

Was sind die größten Fehler, die Autoren hinsichtlich ihrer Karriere im Umgang mit Verlagen oder Agenturen machen können?

 

 

 

Stefan Wendel: Sich sowohl hier als auch dort an die falschen Partner binden. Den richtigen Zeitpunkt für einen Strategiewechsel verpassen. Aus Fehlern und Versäumnissen nicht lernen.

 

 

Michaela Gröner: Man sagt, die größten Fehler seien diejenigen, aus denen man nicht lernt. Deshalb würde ich es gern auf zwei verbreitete, meist chronische Untugenden herunterbrechen: Kontrollwahn und Ungeduld. Es gibt bisweilen Autoren (natürlich nicht bei uns! J), die aus unerfindlichen Gründen annehmen, ihre Geschäftspartner säßen nicht mit ihnen im selben Boot. Wenn man dagegen einfach mal unterstellt, dass jeder an seinem Ort das Mögliche tut, um das gemeinsame Projekt zum Erfolg zu bringen, und dass keiner Interesse an einem Flop haben kann, geht man bereits positiver an die Sache ran, kann besser als Team zusammenarbeiten, den anderen besser wertschätzen. Man konzentriert sich stärker auf die eigene Arbeit, anstatt auf diejenige der Agentur oder des Verlags, man bespricht Probleme wieder miteinander und nicht mit Dritten, über die sie in unserer überschaubaren Branche womöglich an völlig falsche Ohren geraten.

 

Ungeduld äußert sich dagegen sehr unterschiedlich: Sand im Getriebe sind zum Beispiel häufige Wechsel, einfach wegen des Reibungsverlusts. Ein Agenturvertrag hat ja aus gutem Grund eine Mindestdauer von einem Jahr; manchmal geht es zwar rasant, manchmal dauert es aber wirklich lang, bis ein Manuskript vermittelt ist, was nicht etwa heißt, dass die Agentur sich nicht dahinterklemmt. Es gibt natürlich immer auch notwendige Verlags- und Agenturwechsel, sie sollten aber verfahrenen Situationen vorbehalten bleiben.

 

 

 

Eine kluge Autorin sagte einmal zu mir, dass Unkompliziertheit nicht immer als Kompliment zu verstehen sei. Wie finden Autorinnen den richtigen Mittelweg zwischen blindem Vertrauen und ständigem Einmischen in die Arbeit ihrer Verlage oder Agenturen? Sollte der Autor immer wissen, wer seine Bücher gerade prüft, wie viel Vorschuss die Konkurrenz bekommt, oder ein Veto gegen Cover et cetera einlegen können? Oder läuft er, wenn er all das nicht tut, l Gefahr, desinteressiert zu wirken beziehungsweise sich bevormunden zu lassen?

 

 

 

Stefan Wendel: Gut beobachtet, an dem Diktum der Autorin ist wirklich etwas dran! Blindes Vertrauen finde ich gefährlich; ständiges Misstrauen wäre Gift für die Beziehungen. Wie kann man diesen Balanceakt hinkriegen? Am besten mit Wachsamkeit, Souveränität, Menschenkenntnis und viel diplomatischem Fingerspitzengefühl.

 

 

 

Franka Zastrow: Autoren sind sehr daran interessiert, wer im Verlag gerade ein entsprechendes Manuskript prüft, und diese Information bekommen sie auch von mir. Meine Erfahrung zeigt, dass sich Autorinnen sehr intensiv in Foren Netzwerken austauschen. Da werden auch Vorschusshöhen, Marketingfragen oder Trends besprochen. Zwischen Autor und Agent muss ein Vertrauensverhältnis bestehen. Information und Aufklärung über den jeweiligen Stand der Dinge – oder auch darüber, wo man sich einmischen kann und wo die Grenzen liegen – sind die Voraussetzung dazu.

 

 

Michaela Gröner: Ich denke, ein guter Mittelweg ist es, etwaige Bedenken zwar zu äußern (dafür sind wir ja da), einer dezidiert begründeten Expertenmeinung dann aber auch zu vertrauen (denn dafür sind wir ebenfalls da). Wichtig ist natürlich, Agenten und Lektorinnen nicht ständig zu hinterfragen, weil dann deren eigentliche Arbeit liegenbleibt und die des Autors, nämlich das Schreiben, ebenfalls. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch mal gern dazulernen, wenn ein Autor eine etwas komplexere Frage stellt, vor der wir selbst noch nie standen, und dann vielleicht sogar noch den Hinweis zu einer tollen Lösung liefert.

 

Zu den konkreten Fragen: Wir sagen unseren Autorinnen in regelmäßigen Abständen, welcher Verlag ihr Manuskript gerade prüft, so viel Transparenz sollte sein; ansonsten schauen wir auf Nachfrage gern für sie ins Projektprotokoll. Welche Vorschüsse wer bekommt, geht ausschließlich den Betreffenden etwas an, dazu äußern wir uns selbstverständlich nicht und wünschen uns das auch von den Autoren. Beim Cover hat der Verlag aus guten Gründen den Stichentscheid. Er muss es schließlich in der Vertreterkonferenz durchsetzen; ein kluger Partner wird aber immer versuchen, den Autor für seinen bevorzugten Entwurf ebenfalls zu begeistern oder zumindest dessen Einwände zu berücksichtigen. Die Angst, desinteressiert zu wirken, ist meines Erachtens unbegründet. Natürlich gibt es auch Zyniker, aber die Mehrheit weiß eine vertrauensvolle Zusammenarbeit durchaus zu schätzen und mit den anderen will man ja ohnehin nicht auf Dauer zusammenarbeiten.

 

 

 

Wie werden gute Autoren noch besser? Was bewahrt sie davor, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen?

 

 

Michaela Gröner: Was gute AutorInnen kontinuierlich besser macht: die Liebe zu ihrer Arbeit. Was sie davor bewahrt, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen: die Liebe zu ihren Lesern. Und die Selbstachtung.

 

 

 

Stefan Wendel: Zum einen gibt es heutzutage enorm viele Fortbildungsmöglichkeiten für Autoren, die dazu beitragen können, neue Impulse zu setzen, um über den eigenen Tellerrand zu schauen. Zum anderen sollte jeder Autor/jede Autorin sich selbst immer der kritischste Leser sein und kritikfähig bleiben.

 

 

 

Haben Sie zum Thema Karriereplanung für Autoren noch etwas Wichtiges auf dem Herzen?

 

 

 

Stefan Wendel: Nicht unterkriegen lassen!

 

 

 

Michaela Gröner: Hm, spontan vielleicht das alte Biermann-Dilemma „Macht er Fortschritte? Oder macht er Karriere?“. Ich wünsche Ihnen/euch, dass immer beides zutreffen möge.

 

 

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